| Würden sich alle Ärzte an den neueren Forschungen zum Thema Krankheit und Bewegung orientieren, stünden bald in jedem Wohnzimmer und jedem Krankenzimmer Fahrradergometer – und regelmäßige, moderate Bewegung würde wie eine gute Medizin verschrieben. Denn immer mehr Studien belegen, dass sportliche Aktivität nicht nur vorbeugend gegen die typischen Zivilisationserkrankungen (z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Fettleibigkeit) wirkt, sondern auch einen heilenden und regenerativen Einfluss hat, wenn man schon erkrankt ist. Und dass Bewegung die Grundvoraussetzung ist, um unseren Körper überhaupt "am Laufen" zu halten.
Warum wir uns bewegen "müssen"
Unser modernes Leben ist nicht gerade bewegungsfreudig. Das bringt unter anderem unsere Arbeitsweise mit sich: Bei Büroangestellten mit ihrer überwiegend sitzenden Tätigkeit z.B. befinden sich die Muskeln im Dauerschlaf. Das entspricht nicht unserer genetischen Ausstattung, die noch immer am "Jäger und Sammler" der Steinzeit orientiert ist. Was der an körperlicher Anstrengung zum täglichen "Broterwerb" aufbringen musste, würden wir heute als Hochleistungssport bezeichnen.
Weil der Mensch für solche Beanspruchungen konzipiert wurde, leidet er unter Bewegungslosigkeit extrem. Evolutionsmediziner gehen davon aus, dass im Körper bewegungsfauler Menschen eine Art "Ausnahmezustand" herrscht: Die biochemischen Kreisläufe sind verlangsamt, der Stoffwechsel ist gestört und die Verdauung stockt. Eine Konsequenz der allgemeinen Verlangsamung der Körpervorgänge kann z.B. sein, dass krebsauslösende Stoffe länger als gewünscht im Körper verbleiben. Die Forscher empfehlen deshalb die tägliche Bewegung (mindestens 30 Min., aber moderat) nicht nur als Beitrag zu einem gesunden Leben. Sie sehen in der täglichen Bewegung die Voraussetzung, damit der Körper überhaupt seiner Bestimmung entsprechend funktionieren kann.
Bei welchen Krankheiten Bewegung hilft
Bei Diabetes weiß man, dass körperlicher Anstrengung den Transport von Blutzucker in die Zellen beschleunigt, vor allem um die Muskeln besser zu versorgen. Auf diese Weise sinken insgesamt die Blutzuckerwerte. Der positive Effekt: weniger Tabletten = weniger Insulin.
In einer Studie der Leipziger Universität ließ man Patienten, die unter Herzmuskelschwäche litten, sechs Monate lang ein Sportprogramm absolvieren. Danach konnten in den Sportlermuskeln vermehrt Radikalfängerenzyme nachgewiesen werden. Die Enzyme vernichten Sauerstoffradikale, die den Herzmuskel schädigen und die Pumpschwäche maßgeblich bewirken.
Bei einer Schädigung der Herzkranzgefäße sorgt Bewegung für eine bessere Durchblutung und erhöht die Dehnbarkeit der Gefäße, die bei Arteriosklerose eingeschränkt ist.
Bei Rückenschmerzen hilft ein gezieltes Rückentraining, die betroffene Wirbelsäulenregion durch Muskelkräftigung zu stabilisieren. Außerdem gut: moderate Bewegung (z.B. Treppensteigen, Spazieren gehen, Wandern), Wirbelsäulengymnastik und bandscheibenfreundliche Sportarten.
Zudem hat Sport einen Einfluss auf die Regeneration des Körpers, indem er neue Zellen in Organen und Geweben heranwachsen lässt. Das wirkt sich z.B. auch auf die Zellen im Gehirn aus. Noch bis vor kurzem ging man davon aus, dass das Gehirn im Alter immer mehr an Leistungsfähigkeit verliert; weil täglich Tausende von Nervenzellen absterben und nicht durch neue ersetzt werden. Heute mehren sich die wissenschaftlichen Belege dafür, dass sich das Gehirn ein Leben lang entwickelt und täglich neue Nervenzellen produziert werden. Die neuen Zellen entwickeln sich allerdings nur dann zu tüchtigen Helfern, wenn man sie fordert: Neben Lernanreizen und sozialen Herausforderungen gehört dazu auch körperliche Bewegung.
Wer ein körperlich reges Leben führt, ist wahrscheinlich auch gegen Alzheimer und Demenz besser gerüstet. Als sicher gilt, dass durch Bewegung die Gehirndurchblutung und die Sauerstoffversorgung verbessert werden. Nach neueren Erkenntnissen wird wahrscheinlich auch der altersbedingte Abbau von Gewebe in bestimmten Hirnregionen vermindert.
Auch bei der Diagnose Krebs gibt es Anlass zu Hoffnung. Fürchtete man noch bis vor kurzem, dass Sport das Immunsystem während der Behandlung schwächen könnte, weiß man heute, dass sich körperliche Bewegung positiv auf die Nebenwirkungen der Krebstherapie auswirken kann. Zwei kleinere Studien zu Dickdarmkrebs und Brustkrebs scheinen außerdem zu belegen, dass durch regelmäßige körperliche Bewegung die Rückfallwahrscheinlichkeit gesenkt werden kann.
Der Depression ein "Schnippchen schlagen"
Dass Sport auch Menschen mit Depressionen aus dem Dunkeln herausholen kann, scheint eine Vergleichsstudie der Duke University, North Carolina, zu bestätigen: Wer sich dreimal wöchentlich eine halbe Stunde körperlich anstrengt, soll eine fast ebenso positive Wirkung auf die Stimmung haben, wie nach der Einnahme von Antidepressiva (Stimmungsaufhellern).
Für diesen Effekt gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Physiologen führen ihn auf eine erhöhte Produktion bestimmter Neurotransmitter zurück, die im Stoffwechsel von Depressiven in zu geringer Konzentration vorhanden sind. Belegt ist auch, dass Ausdauersport die Ausschüttung von opiatähnlichen Endorphinen bewirkt, die die Stimmung heben. Sportliche Betätigung hilft Depressiven zudem, aus dem Teufelskreis aus Rückzug, Vereinsamung und Bewegungslosigkeit auszubrechen. An dessen Stelle treten positive Erlebnisse und das Gefühl, Veränderungen aus eigener Kraft zu bewirken.
ANMREKUNG: Für alle Erkrankungen gilt: Sport ist kein Wundermittel und kein Ersatz für medizinische Behandlungen; vor allem bei so schwerwiegenden Erkrankungen wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder schweren Depressionen. Aber körperliche Aktivität kann viele Therapien wirksam unterstützen.
Quelle: http://www.ard.de/ratgeber/
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